Frühjahrsputz

Ich habe ein bisschen aufgeräumt

Das was eigentlich mit Liebe und Freude und Glück und Hoffnung assoziiert wird, ist schon irgendwie verkehrt. Also bei uns. Den Frauen und Männern, die sich ein Baby wünschen, es nicht einfach so auf natürlichem Wege bekommen können und warten und nicht wissen wann, wie, wo und ob. Der Wunsch nach einem Kind, der ist schon nicht immer nur rosarot/himmelblau/glitzernd/strahlend. Ich finde, er ist manchmal auch wie an einem Novembertag. Dizzy. Grau. Der unbarmherzige eiskalte Wind peitscht einem einstweilen ins Gesicht. Und ich habe nun eine ganze Weile gebraucht um zu registrieren, wie das eigentlich wirklich ist. Abseits von romantischer P*ersona-Werbung und glücklichen „Es hat beim ersten Versuch geklappt“ Geschichten. Nach etlichen Kommentaren und Ratschlägen dazu, wie ich mich zu fühlen habe, habe ich mich ein bisschen zurückgezogen. In mich selbst. Weg von mitleidigen Gesichtsausdrücken oder erhobenen Zeigefingern, ob meiner negativen Einstellung. Bis ich begriffen habe, dass ich gar nicht einfach nur pessimistisch bin.

Irgendwie kommt es mir vor wie Betrug. An mir selbst. Von mir selbst. Von Ärzten und Bekannten. Vom Internet und selbstbetrügerischer Recherche. Weil man nicht richtig aufgeklärt ist. Oder werden will. Gar nicht die Chance hat. Geblendet vor lauter Hoffnung, die einen von allen Seiten überschwemmt. Von der Aufforderung alles positiv zu sehen und fest daran zu glauben.

Ich bin dafür, dass man Hoffnung hat, sich freut und sich positiv darauf einstimmt, dass man ein Baby macht. Ich bin auch dafür, dass man seine Partner*in verliebt und mit klopfendem Herzen anschaut, wissend, dass man im Begriff ist eine Traumfamilie zu zaubern. Dass man neben Spritzen, überwachten Zyklen, künstlichen Hormonen und dem bestverfügbarsten Schwangerschaftstuning seinen Körper trimmt, ihn einstimmt auf die große Aufgabe Schwangerschaft. Dass man das Rauchen ein- und die Ernährung umstellt, dass man zu Beginn so lebt als wäre man bereits, was man sich so sehr wünscht. Leise lächelnd die Jahresplanung auf der Arbeit mit verfolgt und versucht sich aus den großen Projekten gegen Jahresende rauszulavieren, weil man dann ja schon längst glücklich kugelnd nur noch wenige Tage bis zur lang ersehnten Mutterschutz-Deadline ausharrend, seinen großen Bauch spazieren trägt. Herrlich diese kleinen süßen Tagträume, die sich, gewollt oder nicht, ungefragt zur Hintertür hereinschleichen und das eigene Gehirn mit winzigen Rinnsalen von Glückshormonen überschwemmen.

Ohne Frage, die Hoffnung hilft in moderaten Dosen. Macht ein angenehmes Gefühl. Lässt uns auf Wattewolken schweben und kämpft mal mehr, mal weniger erfolgreich gegen die dunklen Novemberstürme, die auf klammen Sohlen in unsere Kinderwunschherzen tapsen.

Am Ende aber, wäre es unverantwortlich, dass niemand deutlich sagt, es kann sein, dass es nicht gleich funktioniert. Und ich meine nicht diese selbstbetrügerische Stimme, die sich mit einem Mantel der Rationalität tarnt und letztlich doch meint, dass alles gut wird und das man selbst, trotz der angeblichen Rationalität natürlich weiß, dass es sein könnte, dass es vielleicht doch nicht klappt. Am Ende, glaubt man was man sich wünscht. Dass es eben doch klappt, und obwohl klar sein sollte, dass es eben nicht sehr wahrscheinlich ist, dass man zu denjenigen gehört, die beim ersten Versuch das Glück haben, trifft es die meisten doch wie ein Schlag in die Magengrube von einem Leichtgewichtboxer, der schwitzend und gebisschonertragend fies lächelt, während er genüsslich ausholt. So ist das nämlich am Ende. Erst krümmt man sich, dann sammelt man sich und denkt sich nach ein paar Tagen, meist dann, wenn die Rote Pest rum ist und die Tampons wieder in die hintere Ecke des Schrankes verbannt werden (weil man sie ja gewiss nicht mehr braucht!) beim nächsten Mal klappt es sicher.

Auch das finde ich ok. Sogar nötig. Es macht Sinn. Denn wie sonst, sollte man die Kraft finden weiter zu machen? Und ein winziges bisschen denke ich sogar auch in guter alter Self-fulfilling Prophecy-Manier „Kopf hoch!“ und „Schwarzmalerei hilft auch nichts!“.

Aber es ist doch auch Betrug, dass einem kaum jemand sagt, wie sehr es weh tut. Oder weh tun kann. Dass es die Möglichkeit gibt, dass man nicht zu denen gehört, die vor Kraft strotzend immer weiter und weiter und weiter machen und jeden Versuch als neue Chance sehen. Es scheinbar problemlos schaffen aus irgendeinem Winkel ihrer selbst positive Gedanken zu holen und nicht an das Undenkbare zu denken Was es tatsächlich für Gefühle sein können, die sich einen Weg in das Gehirn bahnen und sich von dort aus im Gesamtsystem verteilen. Wie groß der Druck ist weiter aufrecht zu gehen, der Welt vorzuspielen alles wäre wie immer, obwohl gerade ein Stück Hoffnung zerbrochen ist.

Dass man Angst bekommen kann und sich selbst stellenweise nicht mehr erkennt. Dass nicht viel übrig ist vom anfänglichen glucksenden Glücksgefühl. Dass es sein kann, dass der romantischen Babymach-Einstellung realistische Ernüchterung entgegenschlägt. Dass es vorkommt, dass man auf einmal keine Lust mehr verspürt die gute Freundin zu besuchen, weil ihr Baby so süß, so herzig, so drollig tapsend Schränke mit seinen kleinen feuchten Sabberverschmierten Händen antatscht. Und man, dort wo man vor Wochen noch selig jauchzend gedacht hat „wie gern würde ich diesen tapsenden Händen hinterherwischen“, oder „wie glücklich wäre ich um jeden Fingerabdruck an den Frühlingsputzgesäuberten Fensterscheiben in meiner Wohnung von meinem Kind“, plötzlich nur noch versucht Gedanken zu unterdrücken die hässlich sind und für die man sich schämt. Dass es einen betäubenden Schmerz hinterlässt, wenn man die Partner*in mit dem Baby sieht und nicht umhin kommt sich zu denken „ach, wenn doch nur“ und man weinen könnte und schreien. Ob der Ungerechtigkeit und der Tatsache, dass man nicht weiß. Niemand wissen kann. Und man plötzlich keinen echten Trost mehr darin findet, dass jemand sagt „alles wird gut“ und „ihr müsst Geduld haben“.

Es geht mir nicht darum, dass man nur noch traurig und hoffnungslos ist, wenn man ein, zwei Versuche hinter sich hat. Aber ich finde es wäre nicht fair, wenn ich nicht offen sage, dass es eben sein kann, dass man sich so fühlt. Dass es sein kann, dass man sich unfair verhält seiner Partnerin gegenüber, dass man als Frau das Gefühl bekommen kann „Ich bin nicht gut genug!“ Dass es Zweifel gibt, Angst und Dunkelheit. Und vielleicht fällt es leichter diese Gefühle zu sortieren, wenn man liest, dass es anderen Frauen auch so geht. Dass es möglich ist, dass man für Augenblicke den Boden unter den Füßen verliert und sich vor den eigenen Gedanken erschreckt. Ich meine nicht, dass es selbstverständlich ist, oder ein andauernder Zustand (sein sollte), dass man sich so schlecht fühlt und ich denken auch, dass es wichtig ist, dass man sich Unterstützung sucht, wenn man den Eindruck hat, diese Gefühle sind ein andauernder Zustand. Aber ich denke eben auch, dass es nichts bringt sich schuldig zu fühlen, ob seiner Gedanken. Zu denken, dass man alleine ist. Und das Gefühl der Schuld, der Tatsache, dass es scheinbar den meisten der anderen Frauen spielend leicht gelingt, weiterzumachen, aufzustehen, positiv zu bleiben. Ich denke es ist wichtig hinzuschauen wie es einem wirklich geht. Und nicht zu versuchen den Schein zu wahren, wo er längst nur noch schief über dem Kinderwunsch geschwängertem Kopf hängt. Es ist nötig den Mut zu finden und sagen zu können, wenn es einen sehr belastet. Das offen kommuniziert wird, dass es eben sein kann, nicht muss. Und keiner mehr mit hochgezogener Augenbraue und spöttischem Grinsen meint, das ist doch krank, dass es einem so geht, nur wegen des Kinderwunsches.

Ich denke es ist wichtiger, dass es auf offene Ohren stößt und die Frauen die in dieser individuellen Situation auch in ihrem Umgang individuell betrachtet werden. Dass nicht herablassend kommentiert wird, was Frauen alles „dummes“ anstellen, von Hoffnung oder stiller Verzweiflung getrieben, wohlwissen, dass auch der dritte Schwangerschaftstest am selben Tag kein anderes Ergebnis zu Tage fördert, als der erste an diesem ES + 3 😉 Aber es gibt sie eben die, bei denen es scheint, als hätten sie die Hoffnung aufgegeben und gleichzeitig an jeder grauen Verdunstungslinie festhalten, als gäbe es kein Morgen mehr. Man sollte weniger abwinken und mehr darauf verweisen, dass jede Frau mit Kinderwunsch ein Recht auf jedes Gefühl hat. Dass es sogar wichtig sein kann ehrlich zu sein und das kann man meist besser in einem Umfeld in dem man angenommen wird. Im besten Fall bei Frauen oder Personen im Allgemeinen, die ehrlich auch die schweren, dunklen und schlimmen Seiten des Kinderwunsches bestätigen. Denn dann fühlt man sich weniger allein, mehr angenommen in seinem Gefühl und ich denke letztlich kann das dazu führen, dass man auch wieder Hoffnung schöpfen kann. Wenn man nicht mehr blockiert ist von Scham, schlechtem Gewissen und dem Druck endlich wirklich glücklich Hoffen zu müssen. Wenn man sich eingesteht, dass man eben auch okay ist, wenn man wirklich verzweifelt ist.

Dann hat man die Möglichkeit am Ende des Novembernebels auch wieder die andere Seite der Medaille zu erkennen. Wo Licht ist, ist Schatten. Und andersherum. Man begreift dann, dass der Kinderwunsch eine Art Prozess ist. Zumindest ist es das bei mir. Ein Prozess mit ganz eigener Dynamik in der es im Grunde kein Falsch und Richtig gibt. Unbedingt aber ein Ehrlich. Und dass es wie in so vielen anderen Bereichen des Lebens darum geht sich selbst anzunehmen. Hilfe anzunehmen, wo sie benötigt wird, wenn sie benötigt wird. Individuelle Wege zu finden mit denen es einem gut geht. Nicht stur Gefühlen hinterherzulaufen die man nicht wirklich empfindet.

Ich habe einen Moment gebraucht um zu begreifen, wie ich trauere um jeden verlorenen Versuch. Um zu verstehen, dass ich nicht aufhören kann spiralförmig darüber nachzudenken ob es wohl geklappt hat oder eben nicht. Dass ich zwar so tue als würde ich daran glauben, dass es nicht geklappt hat und versuche mich auf das Negativ einzustellen, aber gleichzeitig ganz fest daran festhalte, dass es einfach geklappt haben muss. Dass ich das Denken nicht im Griff habe und es mir nichts bringt mich zu zwingen an Wunder zu glauben, wenn ich gerade gefühlt aus den Wolken auf den knallharten Beton der Realität gedonnert bin. Ich habe begriffen, dass es kein Pessimismus, sondern ganz unglaubliche Angst ist, die mich dazu bringt im Gefühlskarussell meine Runden zu drehen. Und nur weil ich mir die Zeit genommen habe und ganz ehrlich zu mir war, konnte ich verstehen, welches das vorherrschende Gefühl ist. Erst jetzt kann ich eine Antwort finden, die mich beruhigt. Keine Pauschale, sondern eine individuelle Strategie entwickeln. Mich erklären und verstanden werden. Ich kann wieder nachvollziehen warum ich mich wie fühle und finde das ok. Ich kann nicht für alle sprechen, aber für mich und vielleicht fühlt sich eine angesprochen und dann war ich ehrlich und sie vielleicht nicht mehr ganz so allein.

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10 Kommentare

  1. Was für ein ehrlicher Post, ich kann Dir nur meinen Respekt vor Deiner ehrlichen Selbstreflexion ausdrücken.
    Ich habe mich in vielen Passagen wiedererkannt. Vom ersten Negativ an ging es mir dreckig in der ersten Zeit danach. Eine eigentlich gute Freundin hat mir auch immer wieder vermittelt dass das ja nicht normal sein kann wie sehr ich gelitten habe, so enttäuscht von der Welt war.
    Die Hoffnung die während des Versuchs nie ganz verschwindet, auch wenn man so sehr versucht sich auf das Negativ vorzubereiten. Die Tagträume wie es dann wohl sein wird, die Arbeit, bei der ich mich auch schon vor langer langer Zeit im Mutterschutz gesehen hatte.
    Wir können nicht mehr tun als versuchen auf unser Herz, den Körper aber auch unseren Verstand zu hören. Für jede ist es anders, jede muss für sich wissen wie lange sie diesen Weg gehen kann. Was dann die Konsequenzen sind.
    Daher ist es schwer einen Rat zu geben, außer dass jede Empfindung von Dir in dieser Situation normal ist und nur du wissen kannst wann es wie für dich weiter gehen kann. Der Weg ist hart, aber er kann sich lohnen.
    Wünsche dir alles Liebe

    1. Liebe Marie Storch,
      ich danke Dir sehr für Deine offenen und so treffenden Worte! Ich musste einen Moment überlegen, ob ich den Post wirklich rausschicken mag, ist er doch sehr persönlich und war zu Beginn auch gar nicht unbedingt für den Blog gedacht. Jetzt bin ich aber doch sehr froh! Insbesondere deshalb, weil mir die Reaktionen darauf zeigen, dass es anderen auch so geht und außerdem, weil ich es toll finde, dass es den selben Effekt auch für andere Frauen hat.
      Alles Liebe für Dich

  2. Dieses Gefühl von „warum hat mir das vorher keiner gesagt?“ Wird euch wahrscheinlich noch öfter begegnen. Die ganze Welt rund um Kinderwunsch, Kinderkriegen und kinderhaben ist wahnsinnig rosarot gemalt und es ist nahezu ein Tabu die Grautöne hervorzuheben. Leider.

    1. Umso wichtiger auch die Grautöne hervorzuheben, nicht wahr?! Nieder mit den Tabus 😀 Ich finde es so wichtig nicht zu vergessen, dass wir mehr Mensch und weniger Maschinen sind, die ihre Emotionen nicht unablässig kontrollieren können und unentwegt rational reagieren können. Ganz besonders bei einem so unkontrollierbaren „Thema“ wie Kinder (-wunsch/ -erziehung…) Es gibt doch kaum einen Bereich im Leben, den wir weniger voraussehen können. Weder unsere Emotionen, noch die des eigenen Körpers oder, wenn sie denn dann endlich angekommen sind, die der eigenen Kinder. Wie soll es da möglich sein, dass alle im gleichen Einheitsbrei reagieren und gleichermaßen perfekt funktionieren…
      Ich danken Dir für Deinen Kommentar!

  3. Ich bin seit langem mal wieder auf deinem Blog gewesen um zu stöbern was es neues gibt und hatte gehofft, dort eine schöne Nachricht zu lesen…
    Ich danke dir für diese tollen Worte, denn du hast so verdammt recht. Es ist mühsam sich immer aufrecht halten und die Sprüche anderer hinnehmen zu müssen, dass man zu verkrampft oder dergleichen wäre. Und es ist auch mühsam seine eigenen Gefühle ständig verstecken zu müssen, weil niemand Verständnis dafür hat. Ich trage meine Gefühle rund um den Kinderwunsch schon längerfristig größtenteils nur noch mit mir selber herum, weil ich manchmal einfach das Gefühl habe, dass auch niemand wirklich hören möchte, wie es einem geht, wenn der ersehnte Wunsch sich einfach nicht erfüllen mag. Im Grunde ist das aber falsch. Es gibt genügend Leute denen es ähnlich geht und denen wir so viel geben und vermitteln können, wenn wir ehrlich sind. Die uns eben doch verstehen und bei denen wir einfach sein können wie wir sind und zeigen dürfen was wir fühlen.
    Du hast das in deinem Post ganz wunderbar gemacht und ich habe mich darin selbst wiedererkennen können.

    Ich wünsche dir alles Gute und hoffe, dass der große Wunsch sich baldigst erfüllen wird. 🙂

    1. Ich danken Dir für Deine Antwort zu meinem Geschriebenen. Es ist doch wirklich immer wieder faszinierend, dass es doch Menschen gibt, die ähnliche Erfahrungen durchleben und die dazugehörigen Gefühle kennen. Ich freue mich, dass Du mal wieder vorbeigekommen bist 🙂

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